Figurentheater Grashüpfer

Die Berliner Grashüpfer im Treptower Park

Wer kennt sie denn nicht, diese seltsamen Wörter wie Abrakadabra, Simsalabim oder Hoskuspokus. Wörter, die von Konsonanten und Anreimungen rhytmisch durchgeschüttelt nichts Greifbares benennen, dafür aber unauflöslich mit Magie, Illusion und Zauberei verknüpft sind. Worte, die unsere Anklangsnerven streicheln, die uns Anschein glaubhaft machen, obwohl wir wissen sollten, dass die Assistentin des Meisters keinesfalls von ihm in der Holzkiste in zwei Teile zersägt wird. Alles nur Theater.
Beim Durchblättern eines Prospektes der Berliner Grashüpfer im Treptower Park, sah ich letzte Woche einige Theaterpuppen, die mich innerhalb von nur einer Sekunde 55 Jahre zurück in eine andere Sphäre versetzte. Wie von Zauberhand öffnete sich der Vorhang zwischen meinem Erfahrungshinterstübchen aus der Zeit im Kindergarten hin zur Bühne der Vergegenwärtigung.
Ich erinnerte mich an ein Wort, das auch gesungen wurde - Tritratrullala - der Kasper war wieder da, der mit der großen Nase und der manchmal rotierenden bunten Zipfelmütze mit kleiner Schelle auf dem Holzkopf. Seid ihr auch alle da? - Jaaaa! Der Seppel, der Wachtmeister, der Zauberer, die Hexe, der König mit Prinz und Prinzessin, der Räuber und die Großmutter, das Krokodil und die Grete und der Big Boss der Boshaftigkeit, der Teufel mit grünem Gesicht und knallroten Hörnern, dessen Antagonist, der liebe Gott, welcher selbstverständlich zwecks Reinhaltung seiner Weste am Kaspertheater durch permanente Abwesenheit glänzte. Letztlich natürlich der Fanclub der Menschenwinzlinge, die mit gespitzten Ohren und kugelrunden Augen zappelig vor der kleinen Bühne saßen und den Beginn des Kaspertheaters kaum erwarten konnten. Die Rasselbande einfach nur zu amüsieren, wäre jedoch gemäß der deutschen DIN Norm in Sachen Kinderunterhaltung zu undifferenziert, es mangele in Hinblick auf deutsche Erziehungszielverordnungen an exakter Tiefenschärfe auf der Leitlinie und insbesondere an der Vermittlung psychotherapeutischer Seelenertüchtigung für die geistig moralische Arbeitseinstellung der zukünftigen Generation im gesunden deutschen Volkskörper. Also lesen wir uns kurz einmal ein in die Hitliste deutscher Kinderpsychologen, Sachgebiet Puppentheater, welche aktuellen Maßgaben resultierend aus komplexen Forschungsergebnissen ins Nuckelfläschchen gemischt bereits den Kleinsten unter den Puppenspielgetreuen einverleibt werden könnten bis sollten und empfehlenswert auch müssten.
Bildungsinhalte und Lernziele für die Kinder beim Puppenspieltheater werden wie folgt definiert: Sie lernen zuzusehen, zuzuhören, still zu halten, Geduld zu haben, sich zu konzentrieren, Spannungen auszuhalten, ein Gespür zu entwickeln, ja oder nein zu sagen, gut und böse zu unterscheiden, kreativ zu sein und eigene künstlerische Fähigkeiten zu entwickeln.
Trotz alledem machte ich mich nach fast 57 Jahren und nach Absprache mit dem Verein, mit einer seltsamen Vorfreude im Herzen, auf den Weg zum Figurentheater Grashüpfer, in der Hoffnung, die Vorstellung möge mir und allen anderen Zuschauern einfach nur Spaß bereiten, wo keine Puppe die Kinder anmahnt, stets brav zu sein, niemals zu lügen, sich untereinander nicht zu hauen, nicht gierig und neidisch, sondern immer schön fleißig zu sein, ergo sich so zu verhalten, wie es ihrer tatsächlichen Erfahrungswelt absolut gar nicht entspricht.
Den ersten Eindruck, dass es im schummerig beleuchteten Besucherraum etwas eingemottet und staubig aussah, fegte ich mir gleich gründlich aus dem Kopf, denn angesichts der vor mir sitzenden Kinder in Begleitung von Oma, Opa, oder Mutti, wollte ich mich eher meiner Gefühlswelt widmen, dass ich als angehend alter Knacker nun in einem Kindertheater saß und wie die Zwergnasen im Alter zwischen 3 bis 5 Jahren auch plötzlich einen Aufmerksamkeitsschub bekam, als ein Glöckchen dreimal klingelte und sich das Bühnenlicht aufhellte.
Ziemlich überrascht war ich, als anstatt lustiger Spielfiguren plötzlich eine leibhaftige alte Dame, züchtig und ausladend bekleidet, wie eine kleinbürgerliche Frau zum Beginn des zwanzigsten Jahrhundert, die kleine Bühne betrat und erzählte, dass sie eigentlich zu Betty, ihrer besten Freundin, unterwegs sei, die würde im Krankenhaus liegen, weil sie hingefallen war. Hin und her gerissen und unschlüssig gab sich die Frau, weil sie zwar zu Betty wolle, nun aber wären ja auch die ganzen Kinder hier. Auf Anfrage bei den Wichteln, ob die denn eine Geschichte hören wollten, blieb es mucksmäuschenstill, auch als die Frau ihre drei großen Gepäckstücke auf den Boden stellte und somit signalisierte, dass sie bleiben würde. Die Veranstaltung konnte beginnen.
Auf die zwei nebeneinander gestellten Tische wuchtete sie die zwei mitgebrachten übergroßen Eier und während die Kinder aufhorchten, weil es seltsam knackte, zog die Frau mit geschickter Hand aus dem einen Ei ein Hühnchen und aus dem anderen Ei eine Ente. Frisch geschlüpft gab es es für Beide viel zu lernen, zum Beispiel, dass ein Hühnchen nicht schwimmen oder im tiefen Wasser planschen kann. In der nächsten Geschichte von der Riesenbergrübe gab es zu lernen, dass Gemeinsamkeit stark macht und in der dritten Geschichte mit Heiner und Udo konnten die Kinder sehen, dass Freundschaft manchmal auch Mut und Zivilcourage benötigt.
Den Kindern schien alles gefallen zu haben, von Strenge und drohendem Zeigefinger oder von Manipulation der Wichtel aus erzieherischen Erwägungen war nichts zu sehen gewesen und an einer Darstellung von einem wohlwollenden Miteinander gibt es nichts einzuwenden. Insgesamt eine gelungene Vorstellung mit besonderem Hinweis auf die Professionalität der Puppenspielerin.

von MiRi

Wegbeschreibung
S-Bahn bis Treptower Park - Ausgang Parkseite - etwa 300m geradeaus laufen